Kassel. „Nach Ende der Wasserspiele 2008 wird Besichtigungsbussen die Durchfahrt durch den Bergpark nicht mehr genehmigt werden.“ Ein Satz aus einem Schreiben der Museumslandschaft Hessen Kassel an die Kassel tourist, die die auf selbständiger Basis arbeitenden Gästeführerinnen der Stadt herb getroffen hat. In einem offenen Brief an mhk und Oberbürgermeister, der dem EXTRA TIP vorliegt und unter www.extratip.de in voller Länge veröffentlicht ist, melden sich jetzt 23 Gästeführinnen zu Wort.
„Mit großer Bestürzung haben wir von der geplanten Schließung des Bergparks für Fahrzeuge aller Art erfahren. Wir, die Gästeführer der Stadt Kassel, fordern auch nach dem 3. Oktober 2008 durch den Bergpark fahren zu dürfen, um unseren Besuchergruppen die Schönheiten dieses einzigartigen Parks zu zeigen.“, beginnt das Schreiben an mhk und Oberbürgermeister
Claudia Panetta-Möller, eine der Unterzeichnerinnen, erklärt: „Wir wollen weiterhin die bisher die gute Kooperation mit der mhk fortsetzen. Aber zum Kassel-Besuchsprogramm gehört der Bergpark doch dazu.“
Weiter im Brief: „Eine Schließung des Bergparks würde dem demographischen Wandel unserer Gesellschaft und dem Trend zu Kurzausflügen innerhalb Deutschlands in keinster Weise Rechnung tragen. Oftmals ist es ein zeitliches Problem. Viele Gruppen buchen eine Stadtrundfahrt im Anschluss an eine Tagung oder schieben diese auf der Durchreise ein. Nach einem kurzen Spaziergang auf der Ebene des Schlosses fahren wir durch den Park um unseren Gästen einen ersten Eindruck zu vermitteln. Wir zeigen diverse Stationen des romantischen Wasserwegs sowie die Löwenburg. Unsere Fahrt durch den Park ist somit keine „Spazierfahrt“, wir möchten die Gäste vom dem versteckten Charme unserer schönen Stadt überzeugen.“
Und hier der komplette Brief:
Offener Brief
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großer Bestürzung haben wir von der geplanten Schließung des Bergparks für Fahrzeuge aller Art erfahren. Wir, die Gästeführer der Stadt Kassel, fordern auch nach dem 3. Oktober 2008 durch den Bergpark fahren zu dürfen, um unseren Besuchergruppen die Schönheiten dieses einzigartigen Parks zu zeigen.
Eine Schließung des Bergparks würde dem demographischen Wandel unserer Gesellschaft und dem Trend zu Kurzausflügen innerhalb Deutschlands in keinster Weise Rechnung tragen. Oftmals ist es ein zeitliches Problem. Viele Gruppen buchen eine Stadtrundfahrt im Anschluss an eine Tagung oder schieben diese auf der Durchreise ein. Nach einem kurzen Spaziergang auf der Ebene des Schlosses fahren wir durch den Park um unseren Gästen einen ersten Eindruck zu vermitteln. Wir zeigen diverse Stationen des romantischen Wasserwegs sowie die Löwenburg. Unsere Fahrt durch den Park ist somit keine „Spazierfahrt“, wir möchten die Gäste vom dem versteckten Charme unserer schönen Stadt überzeugen.
Wiederholt war zu lesen, dass es keinen Massentourismus im Bergpark geben solle. Kassel - vor allem auch Dank der Aktivitäten von kassel tourist - hat in den letzten Jahren systematisch an seinem Image gearbeitet. Diese Bemühungen führten zu einer erheblichen Steigerung der Besucherzahlen, doch von Massentourismus sind wir noch immer weit entfernt. Für die Gastronomie und die im Tourismusgewerbe Beschäftigten wäre es traumhaft, wenn wir einen Busmassentourismus wie z. B. Potsdam oder Dresden hätten. Ob er in dieser Ausprägung wünschenswert ist bleibt zu hinterfragen. Aber wird nicht die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbestätten damit schmackhaft gemacht, dass man auf die größeren Touristenzahlen anderer Stätten verweist. Was will man? Ein Kulturreservat das nur zu bestimmten Zeiten betreten werden kann? Touristen kommen sicherlich nicht, um die Löwenburg mit dem Fernrohr zu betrachten.
Die Stadtrundfahrt im Bus ist nur eine von zahlreichen Themenführungen, die in Kassel angeboten werden. Fast alle beginnen und enden in der Innenstadt. Bei diesen Führungen handelt es sich überwiegend um Fußführungen, lediglich die Stadtrundfahrt führt mit dem Bus durch den Bergpark Wilhelmshöhe. Im Schnitt gibt es in Kassel ca. 400 Stadtrundfahrten was statistisch 1,1 Bussen pro Tag entspricht! Massentourismus?? Wohl kaum! Wir sind 23 Gästeführer, die in speziellen Schulungen ihr Wissen über die Stadt Kassel und das nordhessische Umland erhalten haben. Es wäre sicherlich leicht umsetzbar, uns Gästeführern mithilfe einer Sonderregelung die Durchfahrt durch den Bergpark im Rahmen einer Stadtrundfahrt zu ermöglichen. Derzeit müssen alle Gruppen angemeldet werden, der Name des Gästeführers wird hinterlegt. Zufahrt zum Park wird nach dem Klingeln an den Pollern nur dem gewährt der angemeldet ist. Eine Tatsache, die auch von unseren Gästen immer wieder mit Verwunderung und Erstaunen quittiert wird.
Wir befürchten einen merklichen Besucherrückgang, wenn auch noch die Löwenburg und der Weißensteinflügel schließen und wir mit den Gästen nicht mehr durch den Bergpark fahren dürfen. Um dem Park Wilhelmshöhe als Juwel Kassels, sowie dessen Vermarktung, gerecht zu werden, ist eine Kooperation aller Gremien erforderlich, und es obliegt deren Verantwortlichkeit im Umgang mit dem Kunstwerk Bergpark Wilhelmshöhe einen gemeinsamen Konsens zu finden. Der Ruf nach einer differenzierteren und strengeren Parkordnung für die als Welterbe in Frage kommenden Gärten erweist sich sicher in einigen Punkten als berechtigt, jedoch muss dem Menschen als Voyeur in dieser Landschaft mit all seinen Ansprüchen an Schönheit und natürlich an eine entsprechende Mobilität größere Bedeutung beigemessen wird. Nur dann kann es gelingen, die Sinne und das Verständnis für ein über Jahrhunderte durch schöpferische Menschenhand gestaltetes Werk zu entfachen. “Die Besitztümer der ganzen Menschheit“ verlieren ohne eine angemessene Bewunderung in nicht unerheblichem Maße an Wichtigkeit ihrer besonderen Bedeutung.
Es sollen 200.000.000 € in die Umgestaltung der Museumslandschaft Hessen Kassel gesteckt werden, doch der Besucher sollte dennoch die Chance bekommen alle Parks und somit auch den Bergpark Wilhelmshöhe in ihrer ganzen Vielfalt und Einzigartigkeit zu erleben. Bürgernähe und Gästefreundlichkeit ist angesagt.